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12. September 2015
Kastration von Hunden zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung zulässig?
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Die Kastration des Hundes – eine juristische Betrachtung

Die Kastration des Hundes – eine juristische Betrachtung

Die Kastration des Hundes bedeutet die operative Entfernung seiner  Keimdrüsen. Beim Rüden werden hierbei die Hoden, bei der Hündin die Eierstöcke, teilweise zudem die Gebärmutter entfernt . Beide Geschlechter verlieren durch die Kastration ihre Fortpflanzungsfähigkeit. Die Kastration ist nicht zu verwechseln mit der Sterilisation.

Bei der Kastration handelt es sich folglich um die Entfernung von Organen. Dies ist gem. § 6 Abs. 1 S. 1 TierSchG bei Wirbeltieren, zu welchen auch der Hund zählt, grundsätzlich verboten.

§ 6 Abs.1 S. 2 TierSchG sieht allerdings einige Ausnahmen dieses Verbotes vor, von denen drei dem Wortlaut nach bei der Kastration des Hundes einschlägig sein können:

1) § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 lit. a : bei gebotener tierärztlicher Indikation
2) § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt.1 : zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung
3) § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt.2 : zur weiteren Nutzung und Haltung des Tieres

Im Folgenden werden die Bedeutung dieser Ausnahmen und deren Grenzen erläutert:

I. Bedeutung der Ausnahmeregelungen

1. Von gebotener tierärztlicher Indikation i.S.d. § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 TierSchG spricht man, wenn ein medizinischer Grund zur Entfernung der Organe vorliegt. Ein solcher Grund ist gegeben, wenn bestimmte tierärztliche Maßnahmen sinnvoll erscheinen, um Leiden, Schaden oder Schmerzen von Tieren abzuwenden (so: Hartung, in: Hans-Georg Kluge (Hrsg.), TierSchG, Kommentar, Stuttgart 2002, § 6 Rn 3).

Die Definition reicht weit. Gemeint sind nicht nur Gründe, bei denen eine medizinische Maßnahme zwingend erforderlich ist, wie beispielsweise Tumorerkrankungen. Zur tierärztlichen Indikation in diesem Sinne zählen auch relative Indikationen, bei denen sinnvolle Alternativmaßnahmen in Betracht kommen, so auch bei hormonell bedingten Verhaltensauffälligkeiten

Die medizinische Indikation ist zudem nicht auf Krankheitsfälle beschränkt, sondern kann sich auf weitere medizinische Gründe erstrecken, wie z.B. dem Ausschluss von der Zucht aufgrund eines Erbfehlers.
(Metzger, in: Lorz/Metzger (Hrsg.), Tierschutzgesetz, Kommentar, 6. Auflage, München 2008, §6 Rn. 10;

2 .Gem. § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt 1 TierSchG kann die Kastration eines Hundes zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung erlaubt sein.

Hierzu muss es aus Gründen des Tierschutzes , des Naturschutzes, des Jagdschutzes und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erforderlich sein, die unkontrollierte Fortpflanzung des Tieres einzuschränken (BT-Drucks. 13/7015 S.18). Hierzu siehe ausführlichen Beitrag „Kastrationserlaubnis zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung aus Gründen des Tierschutzes“

Zuletzt könnte die Kastration eines Hundes nach § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 Alt. 2 TierSchG erlaubt sein.

Dies wäre der Fall, wenn die Kastration des Hundes zu dessen weiteren Nutzung und Haltung vorgenommen wird.

Die Ausnahmeregelung zielt jedoch in erster Linie auf die Arbeitswilligkeit, Mastfähigkeit und Fleischqualität von Nutztieren (Metzger, in: Lorz/Metzger (Hrsg.), Tierschutzgesetz, Kommentar, 6. Auflage, München 2008, §6 Rn.38).

II. Grenzen der Ausnahmeregelung

Wie oben gezeigt gibt es Ausnahmeregelungen, nach denen die Kastration des Hundes erlaubt sein könnte.

Hierbei ist allerdings § 1 S. 2 TierSchG zu beachten. Danach darf keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden.

Bei der Kastration wird dem Hund ein irreversibler Schaden, nämlich der endgültige Verlust seiner Fruchtbarkeit, zugefügt. Bei der operativen Entfernung empfindet der Hund zudem Wundschmerzen und ist leidensfähig. Und wenn man sich einmal mit den aktuellen Studien zur Kastration auseinandergesetzt hat, so z.B in Kastration und Verhalten des Hundes, Gansloßer und Strodtbeck, dann weiß man, was die Kastration einem Hund „antun“ kann. Die möglichen Nebenwirkungen der Kastration, insbesondere der Frühkastration gehen weit über Gewichtszunahme, Inkontinenz und Fellveränderung hinaus

Folglich muss bei allen Ausnahmeregelungen i.S.d. § 6 Abs. 1 S.2 TierSchG beachtet werden, dass die Kastration des Tieres jedoch nur erlaubt ist, sofern hierfür ein vernünftiger Grund vorliegt.

Fraglich ist nun, wann ein vernünftiger Grund i.S.d. § 1 S. 2 TierSchG gegeben ist.

Der Gesetzgeber wollte 1972 mit dieser Normierung gewisse Lebensbeschränkungen der Tiere im Rahmen der menschlichen Erhaltungsinteressen zulassen (BT-Drucks. 6/2559).

Vernünftig ist der Grund also dann, wenn gewichtige menschliche Interessen vorliegen, zu dessen Durchsetzung das Wohl der Tiere zurücktreten muss.

Da der Gesetzgeber durch § 1 S. 1 TierSchG allerdings auch das Wohlbefinden des Tieres als schützenswert einstuft, kann nicht jedes übergeordnetes menschliche Interesse gleich eine vernünftige Begründung darstellen.

Vielmehr ist eine Abwägung zwischen dem Schutz des Lebens und Wohlbefindens des Tieres einerseits, sowie der gegenläufigen Belange des Menschen andererseits vorzunehmen (OVG NRW, Urteil vom 10.08.2012 – 20 A 1240/11, juris).

Hierbei ist somit immer zu fragen, ob die Zufügung von Schmerzen, Leiden oder Schäden beim Tier erforderlich, verhältnismäßig und ohne andere Möglichkeiten ist (Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG: Kommentar, 2. Auflage, München 2007, § 6 Rn. 20).

Beispiel:

Häufig angeführte Gründe der Hundehalter für eine Kastration sind ausgeglichenes Verhalten, verbesserter Gehorsam, verminderte Aggressivität und Pflegeerleichterung (http://www.tierklinik.de/m…/andrologie/kastration-des-rueden).

Bei diesen und ähnlichen Begründungen äußert der Hundehalter sein menschliches Interesse an größtmöglicher Bequemlichkeit. Dagegen steht allerdings das „Recht“ des Hundes auf körperliche Integrität. Wendet man oben genannte Ausführungen auf dieses Beispiel an, so kommt man zu dem Ergebnis, dass aus ethischer Sicht das „Recht“ des Hundes an seiner körperlichen Integrität das Interesse des Halters überwiegen sollte.

Dem Hundehalter, der sich ein Hund aus reiner Liebhaberei anschafft, sind alternative Maßnahmen größtenteils zumutbar, da solche Anstrengungen vor dem Kauf eines Hundes kalkuliert werden können und mit dem Hobby der Tierhaltung einhergehen.

Alternative Maßnahmen sind vor allem die artgerechte Erziehung seines Hundes, seine Hündin an der Leine zu führen und achtsam mit ihrer Fruchtbarkeit umzugehen.

Ja, auch Hundehaltung ist anstrengend und nicht immer bequem.

Die Kastration eines Hundes ist somit nach der Einschränkung aller Ausnahmenormen des § 6 Abs. 1 S. 2 TierSchG bei der üblichen Tierhaltung in Deutschland in nur in wirklich ganz wenigen Fällen erlaubt.

Dies sollte jedem Hundehalter bewusst sein. (Selbstverständlich verstoßen auch Tierärzte gegen das Tierschutzgesetz, soweit sie ohne medizinische Indikation Hunde in Deutschland kastrieren)

10 Comments

  1. Kersten sagt:

    Ich finde das diese ein sehr wichtige Thema ist und immer bleiben wird. Und ich halte es für wichtig diese in Foren oder auch auf FB zu veröffentlichen das sie sie Leute mal Gedanken darüber machen, was sie oft ihren Tieren antun.
    Deshalb habe ich mich entschieden einen Bericht darüber in meiner FB -Gruppe mit Inhalten aus diesen Bericht ( die als Quelle gekennzeichnet ) sind. zu veröffentlichen. Ich hoffe es ist rechtens.

  2. Dr. B. Schiffer, M.A. sagt:

    Sehr geehrte Frau Kollegin, Ihre Interpretation zum “vernünftigen Grund“ im Sinne des Tierschutzgesetzes geht fehl. Sie beschränkt sich irriger Weise auf den Vorgang der Operation selbst und nimmt an, dass hier einem Tier sinnloserweise Leid zugefügt werde.

    Völlig außer Sicht gerät dabei, was dem in unserer Zivilisation lebenden nicht kastrierten Hund angetan wird: nämlich lebenslänglicher nicht erfüllter Stress, Hitze ohne natürliches Ende (mit Folgeerscheinungen wie Scheinschwangerschaft et cetera), Verlust von Spiel– und Spaßstunden und Freilauf, Verlust sozialer Kontakte mit Artgenossen – nicht zu vergessen, was man anderen Hunden in der Umgebung (natürlich auch deren Besitzern) an Stress zumutet. Es wäre wünschenswert, wenn Sie Ihre Einstellung revidieren oder zumindest relativieren könnten.

    • admin sagt:

      Sehr geehrter Herr Kollege Dr. Schiffer, ich danke Ihnen zunächst für Ihr Interesse an diesem Thema. Ich besitze seit fast 30 Jahren Hunde beiderlei Geschlechts kastriert und unkastriert und teile nur bedingt Ihre Einschätzung. Ich habe mich nicht nur mit Regelungen des Tierschutzgesetzes in den letzten Jahren sehr intensiv mit den Nachteilen der Kastration, die weit über eine Fellveränderung, Gewichtszunahme oder Inkontinenz hinausgehen, auseinandergesetzt und bleibe unverändert der Meinung, dass die Kastration ohne medizinische Indikation einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellt und vor allem eine Einzelfallentscheidung sein muss. Es ist sehr genau zu überlegen, ob man dem Hund mit Blick auf die massiven möglichen Wesensveränderungen, auch dies ist ein Argument für den Verstoß (Unnötiges Leid, wenn man sieht das früh kastrierte Hunde nicht mehr erwachsen werden), einen solchen Eingriff antut. Sollten Sie selber Hundehalter sein, dann empfehle ich zum Beispiel die Literatur Dr. Udo Gansloser/Sophie Strodtbeck „Kastration und Verhalten beim Hund“. Und soweit Sie auf etwaige Scheinschwangerschaften bei einer Hündin hinweisen, bin auch der Meinung, dass dies durchaus eine medizinische Indikation für eine Kastration sein kann. Ebenso der massive Stress bei Rüden, wobei hier das Setzen eines Chips sicherlich die sanftere Alternative ist, insbesondere um zu sehen, ob sich das Verhalten (Stress) des Rüden verändert.

    • S. K. sagt:

      Sehe ich als Züchter genauso.
      Es ist und bleibt ein Tier. Es ist und bleibt Stress für das Tier. Es ist und bleibt ein Thema, dem manche Hundebesitzer trotz jahrelanger Erfahrung im Umgang mit Hunden nicht gewachsen sind. Sie können mit der so genannten artgerechten Erziehung nicht umgehen. Hier darf man nicht von Einzelfällen ausgehen. Ich erlebe es leider immer wieder bei unseren Welpenkäufern.
      Es geht um die Kastration im geschlechtsreifen Alter ( Rasseabhängig ), nicht um die Frühkastration.
      Es geht um die Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung.
      Siehe hierzu auch die Katzenzucht.

    • Holste sagt:

      Hallo Herr Schiffer!
      Das ist ein menschlicher Irrglaube, und es beweist, dass Sie sich noch nie wirklich mit dem Hormonhaushalt und dem normalen Sozialverhalten eines gesunden Hundes beschäftigt und auseinander gesetzt haben.
      Ein kastrierter Hund hat wesentlich mehr Stress, als ein intakter und das 365 Tage im Jahr anstatt- wenn überhaupt- nur maximal zwei Monate im Jahr!

      • Katzen und Hunde können hier nicht verglichen werden. Sogenannte Freigänger-Katzen bewegen sich vom Menschen unkontrolliert und können sich ebenso unkontrolliert fortpflanzen. Hier ist die Kastration -verglichen mit lebenslangem Stubenarrest- das kleinere Übel. Hunde bewegen sich nicht unkontrolliert, zumindest nicht in diesem Land. Daher sollte es auch kein Problem sein, eine unerwünschte Fortplanzung zu verhindern.
        Für Menschen, die mit der Erziehung ihres Hundes überfordert sind, gibt es Hundetrainer. Diese können Hundehalter anleiten, die Frustrationstoleranz ihres Hundes zu erhöhnen. Kastration muss individuell entschieden werden und nicht pauschal.

    • Sehr geehrter Herr Schiffer,

      ob ein Hund unter seinen Hormonen leidet oder nicht kann bis zu einem sehr hohen Grad durch Erziehung beeinflusst werden. Erziehung meint hier nicht landläufige Kommandos wie Sitz, Platz und Fuß, sondern grundlegende Dinge wie Frust ertragen lernen, nicht jedem Reiz nachgeben etc.. Wenn Sie sich dir Urform des Hundes, den Wolf, anschauen und betrachten, in welchen sozialen Verbänden er lebt, dann werden Sie feststellen, dass dort nur sehr wenige Mitglieder eines Verbandes sich paaren. Dem Rest bleibt das verwehrt.
      Wir Menschen neigen leider dazu, unsere Hunde immer weniger stressresistent zu erziehen. Das ist schade, denn ein Hund kann lernen mit einem gewissen Maß an Stress umzugehen. Das gilt insbesondere für hormonellen Stress.
      Einen sehr schönen Artikel zu dem Thema finden Sie beispielsweise auf der Webseite der Tierarztpraxis Rückert, denn glücklicherweise fängt auch bei Tierärzten ein Umdenken an: http://www.tierarzt-rueckert.de/blog/details.php?Kunde=1489&Modul=3&ID=18951
      Aus meiner Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass die Hunde in meiner Pension, die den meisten Stress mit läufigen Hündinnen haben, tatsächlich die Kastraten sind. 🙂
      Herzliche Grüße,
      Sophia Heiduk
      von der TÄK S-H zertifizierte Hundetrainerin

      • Schmidt sagt:

        Entschuldigen Sie Frau Heiduk, Ihre interpretation wölfischer Sozialstrukturen ist falsch. Junge triebige Rüden verlassen im geschlechtsreifen Alter das Rudel bzw. den Familienverbund und suchen sich ein Weibchen um selber eine eigene Familie zu gründen, eben weil sie ihrem Trieb der Fortpflanzung nachgehen wollen und müssen und um Reibereien und Stress in der Gruppe zu vermeiden. Im Grunde sind das ähnliche Familienstrukturen wie wir sie auch haben und da wird selbstverständlich die Mutter und die Schwester nicht bestiegen.

  3. Anna Kreon sagt:

    Ich habe eine unkastrierte Hündin – es war eine Freude zu sehen, wie sie sich nach den ersten Läufigkeiten immer noch etwas weiter entwickelte! Im letzten Jahr bekam ich eine Hündin aus dem Tierschutz dazu, die mit 3 1/2 Monaten!!! kastriert wurde. Sie bewegt sich heute mit vier Jahren immer noch wie ein Junghund, teilweise recht tolpatschig – na ja, manche finden das auch noch „süß“. Viel schlimmer aber ist, dass sie „weiche“ Gelenke hat, die Knochen hatten nicht die Möglichkeit, sich durch die fehlenden Hormone richtig zu entwickeln. Da wird noch einiges auf uns zu kommen, die Schmerzen für die Hündin sind da schon vorprogrammiert.

    Meine Erfahrung mit anderen Hundehaltern in meinem Umfeld: Unverständnis, dass meine Hündin unkastriert bleibt (es sei denn, es würde irgendwann eine wirkliche medizinische Indikation vorliegen) und die eigenen Hunde so schnell wie möglich kastrieren, eben weil es bequem ist, notfalls wird immer die Angst vor Pyometra vorgeschoben. Auseinandergesetzt hat sich aber niemand ernsthaft mit dem Thema Kastration!

  4. Lina sagt:

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel zu einem viel diskutierten Thema.
    Wie sieht es denn mit der sehr stark propagierten „vorbeugenden Kastration“ aus, also der Kastration der Hündin um Gebärmuttererkrankungen vorzubeugen? Sind diese gesetzeswidrig oder noch im Rahmen der „tierärztlichen Indikation“?
    Viele Grüße

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